Alte Spiele – neu aufgelegt

Was haben Borderlands 2, Devil May Cry, Dead or Alive 5 und Saints Row IV gemeinsam? Diese vier Titel sind bereits seit über zwei Jahren auf Xbox 360 und PS3 erhältlich, wurden aber kürzlich für die aktuelle Konsolengeneration neu aufgelegt. Unter der Bezeichnung Remastered, Definitive Edition oder in einer Collection zusammengepackt werden alte Spiele wieder auf den Markt geworfen. Was als Lückenfüller akzeptabel ist, macht in dieser Generation jedoch den Großteil des Lineups aus.

Sowohl die Xbox One als auch die PlayStation 4 könnten nach anderthalb Jahren dringend mal frischen Wind vertragen. Die Versprechungen auf ein Nextgen-Erlebnis bleiben aus meiner Sicht nur unzureichend erfüllt. Zum Konsolenlaunch haben Crossgen-Titel wie Destiny oder Watchdogs dominiert, was aber angesichts der damals geringen Anzahl an migrierten Gamern durchaus Sinn gemacht hat. Jetzt im Jahr 2015, wo Microsoft und besonders Sony auf eine ordentliche installierte Hardware-Basis blicken können, scheint es allerdings üblich zu sein, altbekannte Titel aus der letzten Generation zu recyceln. Square Enix legt für Tomb Raider und Sleeping Dogs sogenannte „Definitive Editions“ nach. Noch vor der PC-Fassung erhielten die aktuellen Systeme ihre eigenen GTA V-Versionen. Im Jahr 2014 brachte Sony The Last of Us „remastered“ auf die PS4 – gerade mal ein Jahr nach dem Original-Release. Microsoft erfüllte sein jährliches Halo-Soll in Form der Master Chief Collection. Und selbst Nintendo machte nicht Halt und hat mit The Legend of Zelda: The Wind Waker das Potential von HD-Neuauflagen für die Wii U entdeckt. Und die Welle an Neuauflagen zum Vollpreis wird nicht gleich abreißen. Mit God of War 3 soll die Sommerflaute auf der PS4 gestopft werden. Und am Horizont erscheint eine Collection der ersten beiden Batman-Arkham-Titel (für Arkham Origins scheint wohl keine Liebe übrig zu sein).

Weniger als ein HD-Remake

Worüber rege ich mich eigentlich so auf? Ist ja nicht so als wäre dieser Trend erst kürzlich entstanden. Schon lange werden Klassiker für die nächsten Generationen neu aufbereitet. Gerade die letzte Generation hatte mit HD-Remakes mehrfach altes Essen in der Mikrowelle aufgewärmt. Aber der technische Sprung zu einer hochaufgelösten Grafik war damals in meinen Augen gerechtfertigt. Heute wird der Wechsel von 720p zu 1080p oder 30fps zu 60fps als große Verbesserung aufgetan, als ob man dadurch endlich das Spiel in seiner ganzen Blüte bestaunen könnte. Wenn es hier draußen wirklich jemanden gibt, der in solchen grafischen Verbesserungen tatsächlich einen ausreichenden Kaufgrund sieht, für das altbekannte Spiel nochmal Geld auf den Tisch zu legen, hat auf dem PC dauerhaft die günstigere und technisch überlegene Alternative.

Auch sonst möchte ich die Situation ungern mit der letzten Generation vergleichen. Die PS3 erhielt ihre HD-Neuauflagen und sogar Nintendo hat auf der Wii einige Gamecube-Klassiker mit Bewegungssteuerung neu aufgelegt. Der große Unterschied? Die zahlreichen HD-Remakes auf der PS3 erschienen erst spät im Konsolen-Zyklus, als sich bereits ein großes Lineup originaler Titel etabliert hatte. Zusätzlich befürworte ich eine Weiterverbreitung von Ico und Shadow of the Colossus in einer Collection, denn diese beiden Spiele haben es nie geschafft eine große Käuferschicht zu erreichen. Ein God of War 3 konnte im Vergleich sicher häufiger über die Ladentheke gehen. Nintendo hat unter anderem Mario Power Tennis und Pikmin als „New Play Control“-Titel für die Wii veröffentlicht. Darin sehe ich auch kein Problem (außer, dass die Steuerung nicht optimal funktioniert hat). Wer Lust auf diese Spiele hat, kann dank Abwärtskompatibilität seine Gamecube-Discs einschmeißen. Die Wii Remote-Steuerung dagegen kann Spieler ansprechen, die sich von dem klassischen Controller-Design überfordert fühlten.

Ich sollte nicht gleich alle Neuauflagen über einen Kamm scheren. Es besteht kein Zweifel, dass Rockstar viel Aufwand in die Umsetzung von GTA V für PS4 und Xbox One gesteckt hat. Die Ego-Perspektive und die deutlich lebendigere Umwelt sind eindeutige Anzeichen dafür. Für jede halbherzige Portierung (z.B. Sleeping Dogs) gibt es Gegenstücke wie DmC: Devil May Cry, die dank neuen Features wie dem „Turbo“-Modus tatsächlich so etwas wie eine neue Spielerfahrung mit sich bringen. Warum mir der Revival-Wahn in dieser Generation deutlich stärker gegen den Strich geht, richtet sich auch weniger danach, wie groß der Aufwand hinter den Remastered-Versionen ist, sondern liegt in der derzeitigen Markt-Entwicklung begründet.

Nur was ich kenne ist auch gut

Spiele mit Neuanstrich können durchaus ansprechend für Leute sein, die beim ersten Mal auf der Xbox 360 oder PS3 gezögert haben. Ein Kauf ist deutlich gerechtfertigter, wenn alle DLC-Inhalte  mit im Paket enthalten sind. Aber es ändert nichts daran, dass dadurch die Spiele-Bibliothek nur künstlich gestreckt wird. Wozu haben wir acht Jahre lang auf neue Konsolen gewartet, wenn wir doch wieder nur die alten Titel in leicht erweiterter Form darauf spielen? In den Anfangsjahren erwarte ich frische Ideen und neue IPs. Ich möchte erleben, wie alte Grenzen eingerissen werden und sich bisher ungeahnte Möglichkeiten auftun.

Es ist doch bedauerlich, wenn so viele Entwicklerstudios ihre Zeit in lahme Neuaufgüsse investieren müssen und nicht die Chance erhalten, an etwas Eigenem zu arbeiten. Im Gegensatz zu GOTY-Editionen reicht es nämlich nicht einfach aus, alle Bonus-Inhalte auf die Disc zu pressen. Für die Portierung auf die neuen Konsolen muss mehr Arbeit investiert werden. Der Excite Truck– und Pilotwings Resort-Entwickler Monster Games hat seit Jahren nicht mehr an eigenen Spielen gearbeitet. Stattdessen wurde das Studio von Nintendo beauftragt diverse Wii-Spiele auf den 3DS zu veröffentlichen. Aber nicht nur das verlorene Talent sehe ich kritisch an. Wenn zu viele externe Entwickler an einer Sache arbeiten, kommt ein Frankenstein-Ungetüm wie Halo: The Master Chief Collection heraus, das selbst Monate nach Release nicht wirklich rund läuft und notdürftig mit Patches zum Laufen gebracht wird.

Der Grund für die Welle an Neuauflagen so früh in dieser Generation liegt auf der Hand. Mit jeder neuen Konsolengeneration steigen die Entwicklungskosten deutlich an. Mutige Projekte, die nicht die größte Zielgruppe ansprechen, bergen ein hohes Risiko. Flops können sich die wenigsten Studios erlauben, weshalb auf das sichere Pferd gesetzt wird. Videospiele also, die sich bewährt haben und gut beim Publikum angekommen sind. Eine vergleichsweise kostengünstige Portierung bei gesicherter Erfolgsquote ist nun mal eine optimale Gelegenheit, die sich Publisher nicht entgehen lassen wollen. Das Geschäft mit alten Titeln ist nicht neu, aber selten blieben dabei Neuentwicklung so sehr auf der Strecke wie in dieser Generation. Wenn sich mutige Ideen und Neuentwicklungen noch weniger lohnen als früher, steht uns eine der spielerisch langweiligsten Konsolengenerationen bevor.

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